2. UT-Treffen 2005

Anlässlich der Eingemeindung von Untertürkheim zu Stuttgart, vor 100 Jahren, wurde am 31. Juli ein Stadtfest abgehalten, bei dem der Untertürkheimer ADAC-Ortsverein Oldtimer-Motorräder der Marke „U.T.“ versammelt hatte. Der Organisator des Treffens, Günter Wolf, selbst UT-Besitzer und gebürtiger Untertürkheimer, begrüßte ca. 40 UT-Freunde, die mit ihren Motorräder aus ganz Deutschland und auch Österreich gekommen waren, mit einem herzlichen „Grüß Gott“!

Nachdem der Stuttgarter Oberbürgermeister W. Schuster und der Werkleiter des Daimler-Chrysler Werkes Untertürkheim, V. Stauch, auf der Bühne ein Gespräch über Untertürkheim als Industrie-Standort und Zentrum der technischen Entwicklung von Mercedes geführt hatten, konnten auch die Oldtimer-Freunde einen Blick zurück machen, auf die Zeit vor 100 Jahren. G. Wolf tat dies mit einem Vortrag über Stuttgart als Motorrad-Stadt und speziell über die Marke UT, indem er ausführte:

„Heute blicken wir noch einmal zurück auf die Zeit vor 100 Jahren. Damals gab es zwar schon die Daimler Werke in Untertürkheim, für Automobile. Gottlieb Daimler hatte aber schon früher das erste Motorrad gebaut, mit dem die Probefahrt von Cannstatt nach Untertürkheim durchgeführt wurde. Auch Solitude-Rennen, anfänglich nur für Motorräder, fanden in Stuttgart schon ab 1903 statt. Vor 80 Jahren aber wurden in Untertürkheim dann Motorräder gebaut, nämlich die Marke „UT“, des Untertürkheimers Hermann Scheihing. Stuttgart war damals, in den 20-er Jahren auch „Motorrad-Stadt“, durch bekannte Konstrukteure, die alle, mehr oder weniger mit der Firma Daimler zu tun hatten. Einer davon war der Daimler-Ingenieur Max Friz, aus Gablenberg, der zu den Bayrischen Motorenwerken nach München ging, wo damals schon die 2-Zylinder Boxermotoren gebaut wurden. Aber das erste BMW-Motorrad, die berühmte R 32 , mit 500ccm Boxer-Motor, der quer eingebaut wurde, mit Antrieb über Kardanwelle, entwickelte der Schwabe Max Friz 1923 in München. Ein zweiter Name wäre zu nenne, nämlich Wilhelm Gutbrod, der in der gleichen Zeit, als junger Ingenieur zuerst Motorräder für die Stuttgarter Firma Klotz entwickelte. Später baute er eigene Motorräder in Ludwigsburg, unter dem bekannten Namen Standard. Der dritte Mann ist eben unser Hermann Scheihing, der, nach seiner Tätigkeit bei Daimler, ab 1922 eine eigene mechanische Werkstätte betrieb und ab 1924/25 Motorräder in kleinen Serien auf den Markt brachte. Ein solches Motorrad steht hier auf der Bühne. Es ist das Modell von 1926, wie es H. Scheihing in Untertürkheim entwickelt hat, mit einem 250ccm 2-Takt Motor, den er ebenfalls selbst entworfen hat. Frau Gretel Freitag, die Tochter von Hermann Scheihing, die heute mit ihrer Familie hier ist, erinnert sich noch gut an diese Zeit. Als in der kleinen Werkstatt im Häldle 9 die Motorräder montiert wurden. Aber nicht nur gute, zuverlässige Gebrauchsmotorräder wurden gebaut, sondern auch Rennmaschinen, die sehr erfolgreich waren. Schon 1926 startete UT beim Solitude Rennen mit der 250er UT-JAP, der Fahrer war Gotthold Bubeck aus Uhingen. Leider ging zum Jahresschluss 1926 der Motorradbau in Untertürkheim zu Ende; die Maschinen-Fabrik Bergmüller und Co. in Vaihingen a.d.F. übernahm jedoch die Produktion und erweiterte sie um neue Modelle mit englischen 4-Takt Motoren, von JAP und Blackburn. Vaihingen gehörte damals noch nicht zu Stuttgart, Vaihingen a.d.F. hieß: auf den Fildern, genau so wie Möhringen a.d.F., wohin die Motorrad-Produktion ab 1934, nach Schließung der Bergmüller-Fabrik, verlegt wurde.

Geblieben sind die tollen Motorräder aus der Bergmüller-Zeit, mit denen wir Sammler uns noch gerne beschäftigen und natürlich die Erinnerungen an zahlreiche Rennerfolge mit diesen Maschinen. Auch meinen Maschine, die hier steht, wurde in Vaihingen gebaut, nach Plänen von H. Scheihing. Es ist noch die „Ur-UT“, das einzige Modell das auch einen UT-Motor verwendet. Dieses Modell ist heute sehr selten, es ist uns aber gelungen, vier dieser Motorräder und ihre Besitzer heute hier zu haben, aus verschiedenen Gegenden von Deutschland und Österreich. Einen der Rennmaschinen können wir heute hier sehen. Adolf Ziegler aus Reutlingen hat sie mitgebracht: Eine UT-500 mit dem englischen JAP Rennmotor Bj. 1929. Der bekannte Stuttgarter Erwin Nonnenmann aus Rohr, hat diese Maschine einstmals, auch auf der Solitude, gefahren.

Die neue Produktionsstätte der UT-Motorräder in Möhringen a.d.F. hieß nun Schwenk und Schnürle  GmbH. Zwei Männer, ehemalige Mitarbeiter bei Fa. Bergmüller, Hugo Schwenk (der Kaufmann) und Johann Schnürle (der Techniker) übernahmen im Wesentlichen die Bergmüller Modelle, die sie weiterentwickelten und andere Motoren einbauten. Nach 1946 wurde die Produktion in Möhringen wieder aufgenommen. Man baute technisch sehr interessante, zuverlässige Gebrauchsmotorräder und beschränkte sich auf 2-Takt Motoren bis 250ccm der Fa. ILO und Fa. Sachs. Bis 1962 wurden noch Motorräder in Möhringen produziert.“

Nach den Ausführungen über die Schwenk & Schnürle-Zeit konnte G. Wolf noch die anwesenden Zeitzeugen Helmut Schnürle (Sohn des Mitinhabers) und Albrecht Stäbler (ehemaliger Mitarbeiter) auf die Bühne bitten. Sie erzählten von ihren Erinnerungen an die letzte Phase der UT-Motorradbaues. Die beiden Herren erinnerten sich auch noch gut an einen Namen, der eng mit der UT-Geschichte in den 50-er Jahren verbunden ist, nämlich der Technische Leiter bei UT-Möhringen von 1952 bis 54, Konstrukteur Ernst Wüstenhagen. Beim 1.UT- Treffen vor 5 Jahren war er dabei, und erzählte von „Früher“; leider ist er vor 3 Jahren im Alter von 81 Jahren gestorben.

Das Treffen endete mit einer kleinen „Siegerehrung“, bei der einige Pokale vergeben wurden, bei gutem Wetter, in der Festwirtschaft, unter freiem Himmel. Besonderer Dank galt den Teilnehmern, die von weit her gekommen waren, so wie Bernd Steiniger aus dem Erzgebirge, der eine der ältesten UT mitbrachte, oder Josef Werhahn aus Neuss am Rhein, der mit deinen Zweizylinder Neander eine andere kleine Motorradmarke vertrat. Auch die Oldie-Gruppe der KFV Holzgerlingen sei erwähnt, die mit einem Duzend Veteranen-Motorräder verschiedener Marken die Veranstaltung abgerundet hat. Die gemachten Kontakte wird man sicher erneuern können, irgendwann, beim nächsten UT-Treffen (vielleicht sogar in Österreich). Für die Gesamtveranstaltung der Eingemeindungsfeier der Stadtteils Stuttgart-Untertürkheim war der Auftritt der Oldtimer-Motos ein wesentlicher Beitrag, der beim Publikum viel Anklang fand. Auch die Organisatoren und die Stadtverwaltung fanden durch den Erfolg bestätigt, dass es gut war, Motorräder (mit etwas Lärm) in der Fußgängerzone zu präsentieren und damit die Innenstadt zu beleben.

Günter Wolf (U.T.-Freunde)